Im klerikalfaschistoiden Nazistaat (II) …

 

Gern erinnert man sich in Deutschland neuerdings der auch deutschen Widerstandskämpfer gegen das NS-Regime. Dass es sie überhaupt gab, war jahrzehntelang nach dem Krieg ein völliges Randthema, das höchstens im ’neutralen‘ Westberlin, dort im damals heruntergekommenen Bendlerblock, eine Würdigung erfuhr.

Seit 1989 aber wird das Thema wichtig für eine deutsche Identitätsfindung. Interessant ist auch die nachträgliche, klammheimliche „Hierarchienbildung“ unter den Mutigen in dunkelster Stunde: Einen einfachen Arbeiter Georg Elser gab es im Bewusstsein der Öffentlichkeit lange Zeit erst nach der Erinnerung an Stauffenberg und andere Adlige. Ein einfacher Arbeiter in Deutschland, der Hitlers Dämonie durchschaute!? Das darf nicht wahr sein im klerikalfaschistoiden Nazistaat, ganz egal ob im Jahre 1939 – oder im Jahre 2012

Eine Ausnahmerscheinung war zweifelsohne Helmuth James Graf von Moltke, da er Gewalt im Widerstand selbst ablehnte. Seiner Witwe und Vielen ist zu verdanken, dass über sein Leben heute auch in den dunkelsten KZ- und Gefängnisstunden literarisch sehr vieles öffentlich bekannt ist.

Da verwundert es nicht, dass insbesondere Kirchenmänner des Jahres 2012 jede Gelegenheit nutzen, Helmuth James von Moltke vor den ‚eigenen Karren zu spannen‘.

So erfährt man jüngst etwas über den Verbleib der Kreisauer Glocke, die schon für die Umschmelze zu Waffen bereit stand – oder ähnliches …

Werden aber diese klerikalfaschistoiden „Heim-ins-(vermeintliche Kirchen-)Reich“-Attitüden dem Leiden und Sterben dieser Männer wirklich gerecht!?

Gerade Helmuth James von Moltke sollte gegen diese Vereinahmung durch die Kleriker der Grosskirchen in Deutschland in Schutz genommen werden! Er selbst wurde in eine Familie hineingeboren, die zeitlebens überzeugteste und aktive Anhänger von Christian Science waren. Als Adliger in Kreisau war es für ihn aber als weltgewandtem Mann selbstverständlich, die Pflegschaft auch über die dortige evangelische Kirche zu übernehmen.

Wenn nun mit Zeitungsartikeln über die Kreisauer Glocke 2012 eine wie auch immer geartete andere Nähe zu dieser Kirche suggeriert wird, ist das eines, nur eben nicht wahr und wahrhaftig.

Ähnlich ist es mit seiner vermeintlichen Nähe zu den römisch-katholischen Kirchenmännern im deutschen Widerstand. Es gab sie, weil der Widerstand Einzelner eben über Ideologien und Dogmen erhaben machte. Gerade aber Moltke durchschaute in seinen finsteren letzten Tagen die Gefahr dieser Vereinnahmung durch Kirchenmänner – und wies quasi seine Frau Freya brieflich an:

… Letzten Endes entspricht diese Zuspitzung auf das kirchliche Gebiet dem inneren Sachverhalt und zeigt, daß F.1 eben doch ein guter politischer Richter ist. Das hat den ungeheuren Vorteil, daß wir nun für etwas umgebracht werden, was wir a) getan haben, und was b) sich lohnt. Aber, daß ich als Märtyrer für den heiligen Ignatius von Loyola sterbe – und darauf kommt es letztlich hinaus, denn alles andere war daneben nebensächlich -, ist wahrlich ein Witz, und ich zittere schon vor dem väterlichen Zorn von Papi2, der doch so antikatholisch war. Das andere wird er billigen, aber das? Auch Mami3 wird wohl nicht ganz einverstanden sein . …

… Wir4 haben nur gedacht, und zwar eigentlich Delp, Gerstenmaier und ich, die anderen gelten als Mitläufer …

Und vor den Gedanken dieser drei einsamen Männer, den bloßen Gedanken, hat der N.S. eine solche Angst, daß er alles, was damit infiziert ist, ausrotten will. Wenn das nicht ein Kompliment ist. …

Durch diese Personalzusammenstellung ist dokumentiert, daß nicht Pläne, nicht Vorbereitungen, sondern der Geist als solcher verfolgt werden soll. Vivat Freisler!

Das auszunutzen ist nicht Deine Aufgabe. Da wir vor allem für den heiligen Ignatius sterben, sollen seine Jünger sich drum kümmern. Aber Du mußt ihnen diese Geschichte liefern …

Es ist natürlich von evangelischer und/oder römisch-katholischer ‚Warte‘ aus einsichtig, dass diese die wahre Geschichte quasi zu ihren Gunsten klittern möchten, ja müssen, aber deren eigene Geschichte hat soviel Blut von deren nahezu durchgängigen Nazi-Zuhälterei bis in unsere heutige Zeit5 am Stecken – wenige Ausnahmen bestätigen die Regel -, dass man das zwar verstehen, aber eben nicht billigen kann und sollte.

Und das zur heute ‚dank Polit-Hirnlosigkeiten und deren Nachplapperern in Presse und Medien‘ modisch-gängigen ‚Nazi-Speech‘: Den heute geläufigen Begriff des ‚Kreisauer Kreises‘ prägten nie die Männer und Frauen des Widerstands selbst, sondern deren NS-Schergen nach dem 20. Juli 1944. Sollten wir uns in Deutschland nicht endlich einmal die Nazi-Sprache abgewöhnen – im Jahre 2012ff.!?! – Wer vom „Kreisauer Kreis“ spricht, plappert geist- und seelenlos wie die Nazis eben plapperten und plappern – mehr nicht. Er negiert und stellt sich aus purer Dummheit oder eben wieder einmal bewusst böswillig gegen den Geist, dem diese todesmutigen Männer dienten.

Wenn wir Deutschen in der Welt endlich einmal diese Schavan’schen und anderer Bildungsverhinderer Idiotien durchschauten, vielleicht, ja vielleicht dann kämen wir endlich einmal ohne ‚Kollateralschäden‘ hinter die Kreise der unerlösten Geschichte hin zur wahren Wirklichkeit …

 

Gunther Thriene

 

1) F., gemeint ist Freisler, der Präsident des Volksgerichtshofes

2) Vater Helmuth von Moltke (1876-1939) und …

3) Mutter Dorothy geborene Rose Innes (1885-1935) von Südafrika waren aktive Mitglieder von Christian Science

4) Hinweise zum “Kreisauer Kreis” – der Begriff wurde von den NS-Untersuchungsbehörden nach dem 20. Juli 1944 geprägt, die Widerstandsgruppe selbst hat sich nie so genannt – hier.

 5) Es sei nur an die schriftlich belegbaren Rekatholisierungs-Fantasien des norwegischen Massenmörders Breivik erinnert.

 

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