Joseph Beuys: „Die Mysterien finden im Hauptbahnhof statt“

 

Von Brügge, Peter

SPIEGEL-Gespräch mit Joseph Beuys über Anthroposophie und die Zukunft der Menschheit

SPIEGEL: Herr Beuys, Sie beziehen sich in Ihrer künstlerischen Arbeit besonders auf Rudolf Steiner und seine Anthroposophie. Wie sind Sie denn darauf gekommen?

BEUYS: Nach dem Kriege, als Student, wohnte ich bei einer Familie, die sich ein bißchen mit Grenzwissenschaften befaßte, und da war so allerlei im Bücherschrank: Ostasiatisches, Yoga, auch ein paar Sachen von Steiner. Ich war spontan davon angerührt. Es war günstig, daß ich die mehr gesellschaftsbezogenen Werke in die Finger gekriegt habe.

SPIEGEL: Die „Kernpunkte der sozialen Frage“?

BEUYS: Ja, und seine Dreigliederungsidee. Es paßte zu dem, was so in meinem Kopf umging. Und seit der Zeit sind diese Ideen in meiner Arbeit immer wirksam geblieben. Und ich habe mich deswegen ja auch mit allen möglichen anderen Anthroposophen herumgeschlagen.

SPIEGEL: Was verstehen Sie denn in der heutigen Situation unter Dreigliederung?

BEUYS: Es geht um die Notwendigkeit, über die Gesellschaft so nachzudenken, daß man ein Verhältnis zu ihrer Grundgestalt bekommt. Was ja bis heute nicht passiert ist. Der Marxismus und der Privat-Kapitalismus berücksichtigen nicht die Grundgestalt des sozialen Geschehens. Für mich ist das Wichtigste, was Steiner gesehen hat, diese Gestalt des sozialen Geschehens und ihrer Grundkräfte.

SPIEGEL: Freiheit im Geistesleben, Gleichheit vor dem Recht, Brüderlichkeit in der Wirtschaft, wie Steiner das meinte, bedeutet das nicht ein eher abstraktes Gesellschafts-Splitting?

BEUYS: Dreigliederung heißt nicht, daß der soziale Organismus in drei Stücke gehauen wird. Es gilt vielmehr, die drei Dinge getrennt zu begreifen und in ihren Funktionen untereinander so zu verstehen, wie ein Arzt das Herz im Zusammenhang mit der Galle, mit der Milz und dem Gehirn verstehen muß. Er muß es begrifflich trennen können, damit er das organische Zusammenspiel begreifen kann. Heute – und das nennt man ja Verfilzung – ist das vollkommen chaotisch, keiner weiß, was mit den Gesellschaften ist.

SPIEGEL: Wer sagt Ihnen, daß Wildwuchs nichts Organisches ist?

BEUYS: Nein, das ist Zersplitterung, das Gegenteil von organisch. Das ist pluralistisch, und das heißt eigentlich „Zerstreut euch noch mehr“. Das ist Zerfall. …

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