Herta Müller: „Ich mag das Wort Heimat nicht.“


… Ich mag das Wort „Heimat“ nicht, es wurde in Rumänien von zweierlei Heimatbesitzern in Anspruch genommen. Die einen waren die schwäbischen Polkaherren und Tugendexperten der Dörfer, die anderen die Funktionäre und Lakaien der Diktatur. Dorfheimat als Deutschtümelei und Staatsheimat als kritikloser Gehorsam und blinde Angst vor der Repression. Beide Heimatbegriffe waren provinziell, xenophobisch und arrogant. Sie witterten überall den Verrat.
Beide brauchten sie Feinde, urteilten gehässig, pauschal und unverrückbar. Beide waren sich zu schade, ein falsches Urteil jemals zu revidieren. …


Herta Müller, Literaturnobelpreisträgerin 2009, in „Der König verneigt sich und tötet“

Ihre wunderbare Stockholmer Nobelvorlesung „Jedes Wort weiß etwas vom Teufelskreis“ dokumentiert die Nobelstiftung hier1. Die Bildsprache Herta Müllers, ihre den Leser und/oder Zuhörer berührenden Imaginationen zeigen gleichzeitig, wie gute Kunst diesen Teufelskreis eben auch durchbrechen kann.

Abermillionen von traumatisierten Europäern ist solche Literatur heilsam, weil die zerstörende o.g. Dualitäts-„Mühle“ ihnen selbst – ohne Kunst – noch ausweglos erscheint – und allein intellektuelle Erklärungen das Herz kaltlassen, die Seele nicht berühren …


… Securitate bedeutet Sicherheit – eine fratzenhafte Verzerrung des Begriffs!
Der ungarische Schriftsteller und Dissident György Dalos erkannte schon früh: „Das Problem ist nämlich, dass die Vergangenheit nicht einfach die Diktatur ist, sondern auch die Menschen, die in dieser Diktatur lebten“. In den einstigen Diktaturen haben sich die Menschen über mehrere Generationen an den Mangel an Offenheit gewöhnt. Und auch 20 Jahre nach dem Ende der kommunistischen Herrschaft misstraut man noch immer dem Versuch von Historikern, die Machtmechanismen und Untaten offenzulegen.

So auch in Rumänien, wo die Menschen über Generationen der Staatsmacht hilflos ausgeliefert waren und kaum Bewusstsein für den Unrechtsstaat entwickelten. …2


Was für ein Europa wollen wir!?

Um der Menschen willen sollte es eine Insel für Kunst und Wissenschaft sein.


Gunther Thriene


1) German, English, French, Spanish, Swedish, these languages also there in PDF

2) Unter dem Titel „Deutsche Literatur in Rumänien im Spiegel und Zerrspiegel der Securitate-Akten“ fand am 7. und 8. Dezember 2009 in München ein umfangreiches Internationales Symposium statt, das vom Institut für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas an der Ludwig-Maximilians-Universität (IKGS) und vom Consiliul National pentru Studierea Arhivelor Securitãtii (CNSAS) veranstaltet wurde. Ursprünglicher Link:   http://www.hermannstaedter.ro/stire.php?id=950&dom&ed=1439


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