Goethes „Erkenne dich selbst“ …


Pünktlich zu Goethes heutigem 260. Geburtstag legt Rüdiger Safranski sein wichtiges Buch über die Freundschaft zwischen Goethe und Schiller vor, die von manchen als Grundlegung der später als Anthroposophie bezeichneten Geisteswissenschaft Rudolf Steiners verstanden wird, wenn diese denn überhaupt begriffen wird – was eher gar nicht bis äusserst selten der Fall ist …

Umso mehr erfreut, dass Safranski bereits im Prolog seiner Neuerscheinung die Grundlagen dieser Freundschaft benennt – und dabei auf Goethes Verhältnis zur Selbsterkenntnis zu sprechen kommt:

… Goethe bekannte einmal, daß die so bedeutend klingende und kanonische Anweisung ›Erkenne dich selbst‹ ihm stets verdächtig vorgekommen sei, weil man beim Blick in sich selbst niemals genau unterscheiden könne zwischen dem Gefundenen und dem Erfundenen. Er empfiehlt den Umweg über die Welt, denn der Mensch kennt nur sich selbst, sofern er die Welt kennt und von ihr erkannt wird. Deshalb, erklärt Goethe, habe er in reiferen Jahren, statt sich ins Spiegelkabinett zu verirren, die Aufmerksamkeit darauf gerichtet, in wiefern andere mich wohl erkennen möchten, damit ich in und an ihnen, wie an so viel Spiegeln, über mich selbst und über mein Inneres deutlicher werden könnte. In dieser Hinsicht mußte Schiller für ihn ein Glücksfall sein. …1

Goethes Verhältnis zur Welt ist kein materialistisches, sondern ein zunehmend geistiges. Allein schon dieses kleine kleinodienhafte Zitat entlarvt das Lügengespinst der wider Goethe bis heute virulenten jesuitischen Verunglimpfungen seiner Individualität, an der sich leider heutzutage auch „Anthroposophen“ beteiligen: Nur ein geistiger Mensch wie Goethe ist überhaupt zu einer wirklichen Selbsterkenntnis fähig.2

Gemittelt 255 Jahre nach beider Geburtstag – Schillers 250. feiert die Menschheit in wenigen Wochen am 10. November 2009 – dürfen wir uns an diesem Erkenntnisfest zwischen zwei Buchdeckeln hoch erfreuen.


Gunther Thriene


1) Zitat aus Goethes BEDEUTENDE FÖRDERNIS DURCH EIN EINZIGES GEISTREICHES WORT: „… Hiebei bekenn ich, daß mir von jeher die große und so bedeutend klingende Aufgabe: »Erkenne dich selbst!« immer verdächtig vorkam, als eine List geheim verbündeter Priester, die den Menschen durch unerreichbare Forderungen verwirren und von der Tätigkeit gegen die Außenwelt zu einer innern falschen Beschaulichkeit verleiten wollten. Der Mensch kennt nur sich selbst, insofern er die Welt kennt, die er nur in sich und sich nur in ihr gewahr wird. Jeder neue Gegenstand, wohl beschaut, schließt ein neues Organ in uns auf. …“

2) Ein ähnlich gravierendes Missverständnis benennt in dieser hier als Video erhaltenen Rede Krishnamurti über den oft falsch gebrauchten Begriff „meditieren“ bzw. „Meditation“.


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