Goethes Farbe-Ton-Vergleiche …

 

Goethes Farbe-Ton-Vergleiche in der Gesamtdarstellung„, lautet der Titel einer kleinen Schrift von Hilmar Dreßler1. Im Geleitwort dazu schreibt Prof. Dr. Dr. h.c. Dieter Borchmeyer, Universität Heidelberg, Präsident der Bayerischen Akademie der Schönen Künste:

In seinem Vorbericht zum Briefwechsel Goethes mit Zelter hat Riemer 1833 bemerkt, „Tonkunst und Bildkunst“ seien als „die notwendigsten Organe von Goethes Wesen“ zu betrachten. In seinen eigenen Augen hatte er so weit reichende Kenntnisse in der Musik, daß er schon 1790/91 zunächst zusammen mit Reichardt eine „Akustik“ und nach der Entfremdung von dem Komponisten zumal in Verbindung mit Zelter eine „Tonlehre“ als Gegenstück zu seiner Farbenlehre planen konnte. In diesen theoretischen Umkreis gehört auch der Dur-Moll-Streit zwischen Zelter und Goethe im Jahre 1808. Goethe steht ähnlich wie in der Farbenlehre in Opposition zur dominierenden physikalistischen Theorie. Wie er in der Farbenlehre eine Physiologie und Psychologie des Sehens zu begründen sucht, so in seiner Tonlehre eine Psycho-Physiologie des Hörens, d.h. in der Frage der Tongeschlechter sind für ihn nicht Zahlenverhältnisse maßgebend, sondern ihre unterschiedlichen Wirkungen aufs menschliche Ohr und Gemüt. Als er am 6. Februar 1815 Christian Heinrich Schlosser, einem der engsten Vertrauten auf dem Gebiete der Musiktheorie, seine „tabellarische Behandlung der Tonlehre“ schickt, hebt er „die Ähnlichkeit dieser Schematisierung mit dem Schema der Farbenlehre“ hervor: „Hier steht das Subjektiv-Organische wieder voraus, das Objektiv-Physische, Mathematische ihm entgegen.“ Wie Newtons Optik in Goethes Augen eine Farbenlehre für Blinde ist, da Farben ihr zufolge ja eine vom Auge unabhängige, objektiv dem Licht zugehörende Realität sind, so ist die physikalistische Akustik für ihn gewissermassen eine Tonlehre für Taube. Sind die Farben – als gesehene – im Zusammenhang von Subjekt und Objekt der Gegenstand von Goethes Farbenlehre, so die Töne – als gehörte – im gleichen Zusammenspiel das Thema seiner Tonlehre. …

Nannte Goethe seinen Farbkreis vom Jahre 1809 selbst „Farbenkreis zur Symbolisierung des menschlichen Geistes- und Seelenlebens„, so wird so bereits deutlich, dass Goetheanismus als Wissenschaft Welt und Ich niemals trennt2. – Wurde dies 200 Jahre eher als etwas ‚wissenschaftliche Spintisiererei‘ eines ansonsten weltweit anerkannten Dichter-Genies abgetan, so erweist es sich vor der konkreten Menschheitsgeschichte als höchste Praxis: Nur eine den Menschen selbst zum Massstab machende Wissenschaft ist in der Lage, eine humane Kultur zu schaffen – nichts sonst.

Goethes menschheitliches Verdienst ist und bleibt, diese Wahrheit in seiner Zeit durchgetragen zu haben wie es unsere heutige Aufgabe ist, uns dieses „menschliche Geistes- und Seelenleben“, das Ich zu erretten – genau: das „transzendentale Selbst“ des Novalis -, um die von Goethe benannten Seelenqualitäten überhaupt wieder erleben zu können.

Die Gegenbilder krudesten Darwinismus und ewiger Weltzerstörung sind allgegenwärtig, …

… Goethes heilender Geist3,4 aber eben auch.

Der notierte am 25. Mai 1807 – also mit 57 Jahren – in sein Tagebuch:

Lieben und Hassen, Hoffen und Fürchten sind auch nur differente Zustände unseres trüben Inneren, durch welche der Geist entweder nach der Licht- oder Schattenseite hinsieht […] Beide Seiten haben ihr Anziehendes und Reizendes, für manche Menschen sogar die traurige mehr als die heitere. Man könnte diese Vergleichung auf eine anmutige Weise noch viel weiter fortsetzen.

So vollendet selbsterkennend schreibt nur einer, der Licht- und Tonwelten in sich zu vollkommener Harmonie zu bringen vermag … 

 

Gunther Thriene


1) Hilmar Dreßler: Goethes Farbe-Ton-Vergleiche in der Gesamtdarstellung, Berlin 2008, eine nützliche Schrift trotz eindeutig minderwertiger Farbdrucke: Goetheforschung ist in Deutschland offensichtlich mittlerweile unter Discounter-Niveau angesiedelt …

2) In der Einführung zu ihrer Anthologie  EIN UNTEILBARES GANZES – Goethe: Kunst und Wissenschaft, Freiburg i.Br. 1997, schreiben Günter Schnitzler und Gottfried Schramm (Hrsg.): „… Während Gelehrte vom Typus Newtons Versuche so aufbauten, daß störende Einflüsse nach Möglichkeit ausgeschaltet wurden, und sie den Experimentator als eine prinzipiell austauschbare Figur begriffen, wandte Goethe sich gegen die Trennung des Objektes vom Subjekt, die für ihn eine unauflösliche Einheit bildeten, und wollte den individuellen Bezug zur Natur und Welt retten. Ein Don Quichotte ist er dabei keineswegs geworden. Der Beitrag (Anm.: von  Manfred Wenzel) bescheinigt ihm eine »genaue Kenntnis des physikalischen Wissensstandes seiner Zeit«. …“

3) Literaturhinweis: FRANK NAGER, Goethe – Der heilkundige Dichter

4) Auch Josef Ackermann studiert Goethe – dank Hans Christoph Binswanger


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