Monte Verità – oder: Bilder und Gegenbilder


Eine Ausstellung zum Thema „Freie Liebe und Anarchie. Schwabing – Monte Verità. Entwürfe gegen das etablierte Leben“ zeigte die Monacensia (Maria-Theresia-Straße 23 in München- Schwabing) vom 1. Juli bis 13. November 2009.


Hans Arp: "Roue Oriflamme" oder "Goldflammendes Rad"

Hans Arp: „Roue Oriflamme“ oder „Goldflammendes Rad“


Dazu schrieb die Siebenbürger Zeitung u.a.:

… Der Berg hatte sich gewandelt. Was als lebensreformerische Praxis begonnen hatte – Vegetarismus, Nacktkultur, freie Liebe, Selbstarbeit, Gartenbau, Gleichberechtigung der Frau, Abbau von Herrschaft –, suchte nun seine geistige Verankerung in Theosophie, Anthroposophie, Philosophie, Dichtung und Kunst. Ida Hofmann etwa, zunächst Feministin und Darwinistin, mauserte sich zur Theosophin und Freimaurerin. Gusto Gräser ging seine eigenen Wege. Sein Aufenthalt auf dem Berg dauerte nicht allzulang. Die „vernünftigen“ Anpasser, die Kompromissbereiten warfen ihn hinaus. Gusto wanderte weiter als der wandelnde und leibhaftige „Berg der Wahrheit“. Andere, die Sesshaften, eben jene, die meinten, in einer maßvollen Anpassung ans Übliche Sicherheit zu finden, gingen zugrunde. So auch Karl, der sich ein Besitztum schuf und seinem aus dem Haus vertriebenen Bruder Gusto schrieb: „Dein Streben scheint mir nicht schlecht, im Gegentheil, aber himmelschreiend maßlos und darum eitel, unwahr, unwirklich. Ohne Besitz kannst Du ja nicht leben. Du bist ein von Schönheit und Güte Besessener.“

Karl starb vierundvierzigjährig im Irrenhaus, seine Lebensgefährtin Jenny Hofmann starb im Irrenhaus. Der verbürgerlichte Bruder Ernst starb sechzigjährig an Krebs. Ida Hofmann starb zweiundsechzigjährig in Brasilien. Nur der besitzlose, allseits verachtete und vertriebene Gusto überlebte, wurde trotz äußerster Not in ungeminderter Schaffenskraft achtzig Jahre alt. Der Aufstieg zum Monte Verità war kein Spaziergang gewesen, die Suche nach neuen Lebensformen forderte ihre Opfer. Die Wenigen, die sich diesem „Narrenhaus“ zu nähern wagten, die Dichter, Denker und Künstler, waren klug genug, ihre Besuche und die Wurzel ihrer Erkenntnisse geheim zu halten. Anonym und verschlüsselt, in Gedichten, Romanen und Aktionen, verbreitete sich die Botschaft vom Berg, überlebte im Untergrund und tauchte in den Siebzigerjahren, plötzlich aktuell geworden, wieder an die Oberfläche: als Alternativbewegung, als Umwelt- und Friedensbewegung. Jetzt erwies sich: Die „Narren“ von einst hatten die Zukunft vorweggenommen.

Drei Bücher, die man „Bibeln“ genannt hat, stehen stellvertretend für die Wirkungen, die vom Berg der Siebenbürger ausgingen: Ernst Blochs (des damals noch antibolschewistischen Philosophen) Geist der Utopie, 1917 in Locarno-Monti im Hause Neugeboren abgeschlossen, wurde als „Bibel des Expressionismus“ gefeiert. Hermann Hesses Roman Demian, in dem er seinem Freund und Lehrer Gusto Gräser ein Denkmal setzt, machte als „Bibel der Jugendbewegung“ Furore. Rudolf von Labans Die Welt des Tänzers von 1920, in dem er seine auf dem Monte Verità gewachsene Tanzphilosophie entwirft, galt bald als „Bibel des Ausdruckstanzes“. Drei Grundthemen des Berges sind damit angedeutet: der nie erlahmende Mut zur Utopie, die Suche nach dem eigenen Selbst, die ekstatische Hingabe ans Hier und Jetzt im Bild des zum Tanz begeisterten Leibs.

Gräser, der Unbehauste, Verlachte, der Kriegsdienstverweigerer, der Mystiker, der prophetische Dichter, dessen Werk erst jetzt aus der Versenkung auftaucht – er wird schon heute in Romanen, Gedichten, Liedern, Theaterstücken, Ausstellungen und Filmen als ein Bahnbrecher gefeiert. Man sieht ihn als den „Gandhi des Westens“ oder als „Urvater der Grünen“. In Boston wurde 1993 eine Oper uraufgeführt, in der er „in einer finalen Apotheose durch das von zwei Weltkriegen verwüstete Europa wandert als lebendiger Geist des Widerstands“. Er hat den „Berg der Wahrheit“ nicht nur überlebt, er hat ihn höhergebaut in Wort und Tat.

Hermann Müller


Man ‚google‘ einmal zu Gusto Gräser – und man trifft auf eine ähnliche Symptomatologie wie bei Joseph Beuys etcetc. …


Gunther Thriene

 

 

 

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