Buchenwald – oder: Das goethische Versprechen …

 

Wer um die weltgeschichtliche Tragik dieses Ortes weiss, wird still und ehrfürchtig:

Besagter Gedenkort eines Menschheitsverbrechens ist das weltgeschichtliche Gegenbild eines hier quasi künstlerisch geborenen zukünftigen Menschenbildes von weltkultureller Bedeutung:

Während die hohe Politik dieses Mahnmal besucht, schreibt die berliner Schaubühne am Lehniner Platz zu ihrer Neuinszenierung von Goethes Iphigenie auf Tauris:

Für Thomas Mann gab es, bevor er die Partitur von »Tristan und Isolde« sah, nur ein perfektes Kunstwerk in der Welt: Goethes »Iphigenie auf Tauris«. Die beängstigende Ausgewogenheit, in die Goethe den blutigen Mythos der letzten Nachkommen des Tantaliden Geschlechts gebracht hat, provoziert jede Epoche neu, sich über das Verhältnis von Barbarei und Kunst zu verständigen. Die Handlung ist bis zur Unverständlichkeit grausam. Die Sprache, in der diese Gewalt sich vollzieht, ist bis zur Unverständlichkeit hochgestimmte Weltliteratur.
Iphigenie lebt nach ihrer wundersamen Rettung vor der Opferung durch ihren Vater im feindlichen Tauris. Dort regiert ein grausames Gesetz, dass den Tod jedes Fremden befiehlt. Im laufe der Jahre ihrer dortigen Gefangenschaft gewinnt Iphigenie das Herz des Herrschers Thoas und kann als Priesterin für die Gestrandeten Gnade erwirken. Doch Thoas will sich mit der Milde seiner gefangenen Priesterin nicht mehr begnügen, er fordert ihre Liebe nun ganz für sich. Zugleich wird die Gefangennahme zweier Männer verkündet, deren baldige Opferung der Preis sein soll, wenn Iphigenie sich länger seinem Begehren entzieht. Die Gefangenen, Orest und Pylades, sind auf der Flucht vor den Rachegöttinnen, die den Muttermord an Orest rächen wollen. Die lange getrennten Geschwister, Iphigenie und Orest, erkennen sich hinter den Masken ihrer Leiden nur mühsam wieder. Gemeinsam entwerfen sie einen Plan, wie sie aus der Gefangenschaft ihrer blutigen Familiengeschichte ebenso wie aus der Gefahr, von Thoas getötet zu werden, entfliehen können.
In den schönsten Jamben der deutschen Literatur entfaltet sich die Geschichte der gefangenen Kinder, die in einer Welt leben, in der Goethes Weimar in der Nachbarschaft von Buchenwald liegt.

Mit Thomas Manns Urteil erstem Teil einig – und dies auch durch keinen einzigen Wagner-Knecht dieser Welt revidieren lassen wollend -, weist uns Goethe in seiner Iphigenie doch auf eine, nein,  d i e  Erlösungsmöglichkeit bisher tragischen Schicksals hin.

Iphigenie zu ihrem Herrscher Thoas, der sie und ihren erkannten Bruder Orest töten könnte:

„… Rettet mich – Und rettet euer Bild in meiner Seele.“

Die Künstler in Berlin, die sich getrauen, gerade dieses Schauspiel jetzt in der deutschen Bundeshauptstadt aufzuführen, zeigen damit auf, dass es einen kulturellen Impuls gibt, der erst zukünftig verwirklicht werden muss. Sie retten Seelenbilder machtpolitisch schrecklich missbrauchten Deutschtums.

Es gibt dazu eigentlich keine Alternative. Buchenwald ist das treffende Mahnmal für weltgeschichtliches Versagen. – Goethes Iphigenie aber ist die ewige Schule für Menschlichkeit.

Barack Obama zumindest ahnt das …

 

Gunther Thriene

 

 

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