Die Wahrheit erkennen …

 

Oder: Von gegenwärtiger Geschichte …

Am Abend des 10. Januar 1945, dem 2. und letzten Verhandlungstag unter der Anklage des Hochverrats vor dem NS-Volksgerichtshof in Berlin, schrieb Helmuth James Graf von Moltke in sicherer Erwartung eines Todesurteils seiner Ehefrau Freya u.a. folgendes:


… Letzten Endes entspricht diese Zuspitzung auf das kirchliche Gebiet dem inneren Sachverhalt und zeigt, daß F.1 eben doch ein guter politischer Richter ist. Das hat den ungeheuren Vorteil, daß wir nun für etwas umgebracht werden, was wir a) getan haben, und was b) sich lohnt. Aber, daß ich als Märtyrer für den heiligen Ignatius von Loyola sterbe – und darauf kommt es letztlich hinaus, denn alles andere war daneben nebensächlich -, ist wahrlich ein Witz, und ich zittere schon vor dem väterlichen Zorn von Papi2, der doch so antikatholisch war. Das andere wird er billigen, aber das? Auch Mami3 wird wohl nicht ganz einverstanden sein . …

… Wir4 haben nur gedacht, und zwar eigentlich Delp, Gerstenmaier und ich, die anderen gelten als Mitläufer …

Und vor den Gedanken dieser drei einsamen Männer, den bloßen Gedanken, hat der N.S. eine solche Angst, daß er alles, was damit infiziert ist, ausrotten will. Wenn das nicht ein Kompliment ist. …

Durch diese Personalzusammenstellung ist dokumentiert, daß nicht Pläne, nicht Vorbereitungen, sondern der Geist als solcher verfolgt werden soll. Vivat Freisler!

Das auszunutzen ist nicht Deine Aufgabe. Da wir vor allem für den heiligen Ignatius sterben, sollen seine Jünger sich drum kümmern. Aber Du mußt ihnen diese Geschichte liefern …


AUS: Helmuth James Graf von Moltke, Letzte Briefe, Zürich 1997 (detebe), Seite 64ff.

Der zitierte Brief an Freya von Moltke wurde vom Tegeler Gefängnispfarrer unter Lebensgefahr überbracht. Ihm folgte am gleichen Abend noch ein zweiter Brief – beide datiert auf den 10. Januar 1945 – und ein dritter am verhandlungsfreien 11. Januar 1945.

Am 12. Januar wurde Helmuth James Graf von Moltke zum Tode verurteilt und am 23. Januar 1945 in Berlin-Plötzensee im Alter von 37 Jahren ermordet.


1) F., gemeint ist Freisler, der Präsident des Volksgerichtshofes

2) Vater Helmuth von Moltke (1876-1939) und …

3) Mutter Dorothy geborene Rose Innes (1885-1935) von Südafrika waren aktive Mitglieder von Christian Science

4) Hinweise zum „Kreisauer Kreis“ – der Begriff wurde von den NS-Untersuchungsbehörden nach dem 20. Juli 1944 geprägt, die Widerstandsgruppe selbst hat sich nie so genannt – hier.

Die letzten Briefe Moltkes werden jetzt seit Januar 2009 bzw. 2011 ergänzt durch …

– die Erstveröffentlichung seines Tagebuches in und weiterer wesentlicher Briefe aus der Haft 1944/45. Diese Neuausgabe erhält auch die bisher veröffentlichten (s.o.) letzten Briefe.

– die bisher unbekannten Abschiedsbriefe zwischen Helmuth James von Moltke und Freya von Moltke aus dem Gefängnis Tegel zwischen dem Michaelitag, dem 29.09.1944 und Januar 1945.

 

 

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