„Wie rettet man sein Ich aus den Wirbelstürmen der Zeit?“

 

 

Das Weltwachwerden des Widerstandskämpfers

Jochen Köhlers Biographie über Helmuth James von Moltke ist ein Fragment voller Lebensklugheit

Das Leben des Widerstandskämpfers Helmuth James von Moltke endete am 23. Januar 1945 im Gefängnis Berlin-Plötzensee. Wenige Wochen vor Kriegsende wurde der führende Kopf des „Kreisauer Kreises“ hingerichtet. Seine nun vorgelegte Biographie von Jochen Köhler bricht bereits mit der Südafrikareise des Ehepaars von Moltke im März 1934 ab. Die späteren Jahre und damit die entscheidenden Metamorphosen und Katastrophen fehlen, weil auch der Biograph vor der Zeit starb. Von doppelter Tragik ist das Fragment also umstellt, und doch atmet es auf jeder Seite eine Daseinsfreude, eine Wissbegier, eine Lebensklugheit, die alles Gerundete und Gesunde hinter sich lassen. „Zack“, schreibt Jochen Köhler einmal über den Liebesbrief des 22-jährigen Helmuth James an seine spätere Frau Freya, „zack, strömte von unten bis oben oder von oben bis unten die Freude in die Achtzehnjährige.“

So formuliert niemand, der sich um historiographische Standards oder akademische Fußnoteneinzelheiten schert. Auch der häufige Rückgriff aufs Imaginierte, wo die Quellenlage Lücken produzierte, irritiert. So ist dies ein ganz anderes Buch als die gründliche Moltke-Biographie von Günter Brakelmann, die Anfang letzten Jahres bei C. H. Beck erschienen ist (SZ vom 29. Januar 2007).

Köhler will das Drama des begabten Kindes erzählen, das eine böse Zeit zum Helden schlug. Die „im eignen Leib gespürte Liebe“ war es schließlich, die den allzu vielseitig interessierten Adelsspross grundlegend veränderte. In besagtem Liebesbrief vom 1. September 1929 beschreibt Moltke „das Gefühl, am Anfang einer Entwicklung zu stehen, die mir Höhen erschließen wird, die für mich noch vor vier Wochen unerreichbar waren. Sie haben Herz und Sinne bei mir entwickelt, sodass ich eingesehen habe, dass alles, was der Intellekt ist, was er schafft, nur Ornamente sind und nicht Träger des Lebens.“ Nimmt man zur Hochschätzung des Lebens und des Individuums einen ganz bürgerlichen Willen zur Politik hinzu, so hat man zwei wesentliche Eigenschaften beisammen, die den Juristen und Gelegenheitsjournalisten zur Zentralgestalt der Opposition gegen Hitler prädestinierten.

Köhler verwendet manchmal die erste Person Singular, wenn er Moltke meint. Seltsamerweise klingt die Anverwandlung weder kokett noch kitschig. Es ist Köhler um die innere Wahrheit eines Menschen zu tun, dessen Lebensfrage nicht überholt ist: Wie rettet man sein Ich aus den Wirbelstürmen der Zeit? Unvermittelt schließt Köhler darum die nahe und die fernere Vergangenheit Deutschlands, den „Epochenumbruch“ vom Wilhelminismus zur Weimarer Republik und jenen von 1989, mit der Gegenwart seines Schreibens kurz: „Viel hängt mitunter von wenigen ab, von recherchierenden Journalisten, beherzten Richtern, phantasievollen Lehrern, von Individuen, die sich ohne lange Absprache gegen Verblödungswellen einsetzen, von sogenannten intakten Familien, die nur deshalb so heißen, weil sie den Strom zivilisatorischer Prozesse zwischen den Generationen vermitteln.“

Helmuth James von Moltke wurde 1907 in eine der bekanntesten deutschen Familien hineingeboren. Für den Ruhm gesorgt hatte Generalfeldmarschall Helmuth Carl Bernhard von Moltke, der „Held von Sedan“, in dessen Gedenkzimmer auf Schloss Kreisau Helmuth James getauft wurde. Köhler porträtiert den Ahnen als Heeresreformer mit außergewöhnlichem „Sinn für Innenverhältnisse fremder Menschen“ – darin dem Porträtisten wie dem eigentlich Porträtierten ähnlich. Helmut James“ Mutter Dorothy, eine gebürtige Südafrikanerin mit schottischen Wurzeln, überliefert von der Taufe ein sprechendes Detail. Kein Kruzifix, kein religiöses Bild stand hinter dem provisorischen Altar – sondern die Ahnentafel derer von Moltke, zurückreichend bis in die Epoche Heinrichs des Löwen.

Kreisauer Familiengeselligkeit

Wann immer der Stammhalter später versucht sein sollte, sein Glück im Säbelrasseln zu suchen, blieb er dank des mütterlichen Erbes immun. Die Erzählungen von Südafrika, wo „Daddy“ Sir James Rose Innes zum Justizminister aufgestiegen war, waren ein Therapeutikum gegen teutonische Barbarismen. Auch Vater Helmuth Adolph, ein melancholischer Schöngeist und Liedsänger, taugte ganz anders als Großonkel Helmuth Johannes Ludwig, der Generalstabschef im Ersten Weltkrieg, nicht zum Musterpreußen. Zusammen mit Ehefrau Dorothy war es sein größter Ehrgeiz, der „Christlichen Wissenschaft“ in Deutschland zum Durchbruch zu verhelfen. Seine Leidenschaft galt dem ganz unmetaphorisch gemeinten Gesundbeten. Die ungleichen Helmuth Johannes Ludwig und Helmuth Adolf einte indes ihre Sympathie für die biologisch-dynamische Landwirtschaft. Beide waren mit Rudolf Steiner bekannt, und einmal, weiß Köhler, zerrieben Helmuth James und sein Vater Kuhhörner, vermischten sie mit Dung und Eisenstücken, warfen die Mischung nachts auf den Acker und brachten so „kosmische Wirkungsgesetze zum Flutschen“.

Helmuth James entwickelte auf niederschlesischer Erde eine stabile Heimatliebe. Ein Land, so Köhler, das man eigenhändig umgrub, kann man nur lieben.Die Kindheit auf Gut Kreisau, wo „alles roh, alles ohne Verkleidung“ war zwischen Kühen und Gänsen, schuf die bis in den Tod belastbare Überzeugung, dass der Mensch menschlich lebt, wo er frei das Vorgegebene aufnimmt, wo er sich anschmiegt an das personenreiche „Milieu, das mich einhüllt“ und das „immer Elemente von mir selbst“ enthält. Die Kreisauer „Familiengeselligkeit“ blieb das Fluidum der geistigen wie leiblichen Existenz. Sie suchte Moltke später zu weiten hin zur „freien Gesellschaftsbildung“, wie sie der „Löwenberger Arbeitsgemeinschaft“ Ende der zwanziger Jahre in ihrem Kampf gegen das Elend der schlesischen Arbeiter und Bauern vorschwebte, und schließlich zu einem friedlichen Europa als „geistiger Einheit“ – so Helmuth James 1928, während er an einem gemeinsamen Geschichtsbuch für englische, französische und deutsche Schüler arbeitete.

Die Begrifflichkeit lässt keinen Zweifel, die Rede von Milieu und Geselligkeit, auch von „unseren Leuten“ und tanzenden Verhältnissen: Jochen Köhler, der ehemals wegen maoistischer Umtriebe mit einem Lehrverbot belegte Lehrer, war ein Alt-Achtundsechziger. An Moltke faszinierte ihn gerade jene Haltung, mit der dieser einem platten Aktionismus und einem plumpen Politisieren wehrte, die Haltung eines schöpferischen, christlich verschärften Reformers aus Sorge um die Tradition. Sein „rotierendes Leben in den verschiedenen Kreisen“ fand genau dann zur menschlichen Mitte, als die meisten Deutschen an den Rändern bestialisch wurden.

Im Vorwort des Verlegers heißt es, der Autor Köhler habe sich rund 25 Jahre mit Moltke beschäftigt, weil er ein symptomatisches „Weltwach- und Erwachsenwerden“ beschreiben wollte. Aus dem doppelten Epitaph lässt sich die Lehre ableiten, dass Reife gelingt, wenn Verantwortung für die Heimat und Liebe zur Welt einander ergänzen. Jochen Köhlers Leben endete am 18. Juni 2007 in Berlin. ALEXANDER KISSLER

JOCHEN KÖHLER: Helmuth James von Moltke. Geschichte einer Kindheit und Jugend. Rowohlt, Berlin 2008. 396 Seiten, 22,90 Euro.

 

AUS der SZ, 27.11.2008. – Zur Entstehungsgeschichte dieser Biographie und zum Autor schreibt der Rowohlt-Verlag hier Näheres.

Als Frage kann man den hier in der Überschrift zitierten Satz durchaus so stehen lassen, aber erweckt er nicht Illusionen, wenn man weiss, wo und wie Helmuth James von Moltke von den Nazis ermordet wurde!?

Die richtige Intuition seiner Mutter viele Jahre vorher fand damals keinerlei Beachtung – und ich fürchte, auch heute würde es einem solch wahrheitsliebenden Menschen nicht sehr viel anders gehen …

Und gerade das ist das offenbare Geheimnis dieser Biographie: Sie spürt den ‚ganz geheimen – und doch offenbaren – kraftgebenden Energiezentren‘ einer werdenden Individualität so intensiv nach, wie ich es so noch nirgends las, lesen konnte …

 

Gunther Thriene

 

 

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