Von anthroposophischen Ehrenmännern und ihrem leichten Freudenmädchen …

 

Ohne Worte:

26.11.2008

Anthroposophie als williges «Mädchen für alles»?

Ramon Brüll hat in den infoseiten anthroposophie Herbst 2008 ein Schein-Interview mit Sebastian Jüngel publiziert, das aus einer längeren Korrespondenz – vermutlich per e-mail – zusammengestellt wurde. Jüngel, der Redakteur der Wochenschrift für Anthroposophie Das Goetheanum, zeigt dabei ein naives Vertrauen in die scheinbare Kollegialität seines Duz-Freundes Brüll, wenn er eine gewisse «Verbundenheit der Redakteure» und «ein gewachsenes Verantwortungsgefühl für die durch die Medien geschaffene Öffentlichkeit von Anthroposophie» wahrzunehmen meint. Brüll formuliert für die Entwicklung der Anthroposophie demagogisch vereinfachend die Alternative «verwaltetes Erbe oder öffentlicher Kulturfaktor». Er würdigt zwar die editorische Leistung des Rudolf Steiner Verlages, doch sei die Aufgabe, Rudolf Steiners Vorträge in ein verständliches Schriftdeutsch zu übersetzen, noch nicht ergriffen worden. Wenn «eine anthroposophisch inspirierte Zeitschrift Kulturfaktor» sein wolle, dann sollte sie «nicht von Verbandsinteressen abhängig sein», «keinen Unterschied zwischen Anthroposophen und dem Rest der Welt machen», «eine Vielfalt von Sichtweisen zum Ausdruck bringen und auch unbequeme Fragen zulassen». Was dieses so harmlos Klingende inhaltlich im Sinne von info3 bedeutet, wird ersichtlich aus dem abschließenden Beitrag von Chefredakteur Jens Heisterkamp. Wir veröffentlichen nachfolgend den Kommentar zu Heisterkamps Illusionen von Holger Niederhausen.

Redaktion

In seinem abschließenden Beitrag vergleicht Jens Heisterkamp die «Grundanliegen der Anthroposophie Rudolf Steiners» mit Neale Donald Walshs «Gesprächen mit Gott», mit Ken Wilber und Andrew Cohen und schreibt dann:

«Vielleicht wird mancher sagen: die Zusammenschau solcher unterschiedlichen Richtungen, schon die Tatsache, das Werk Rudolf Steiners in einem Atemzug damit zu nennen, macht die Anthroposophie weniger einzigartig und bringt sie auf einen gefährlichen Kurs der Verwässerung. Man kann es aber auch genau umgekehrt sehen: Dann würde man Anthroposophie nicht als eine kausal nur durch Anthroposophen und ihre Institutionen wirkende ‹Lehre› verstehen, sondern als real inspirierenden Impuls begreifen; Anthroposophie wäre dann kein in den Büchern Rudolf Steiners festgeschriebenes ‹Werk›, sondern ein Menschen und Jahrhunderte übergreifendes Geschehen, das sich in ähnlicher Weise fortentwickelt und immer neue Formen annimmt wie beispielsweise auch das Christentum im Laufe seiner Geschichte immer andere (oft auch sich widersprechende) Metamorphosen angenommen hat. So gesehen wäre Anthroposophie etwas, das eben nicht nur in dem sich auf Rudolf Steiner berufenden Traditionsstrom auftritt, sondern viel universeller gefasst als Realität des erwachenden Bewusstseins der kosmischen Dignität des Menschentums. Hat nicht Rudolf Steiner selbst die Anthroposophie im Kern als ein eigenständiges, gleichsam höheres Wesen charakterisiert? […]
Es geht hier um die einzigartige Chance am Beginn des 21. Jahrhunderts, sich mit zutiefst verwandten Strömungen und Motiven aktiv zu verbinden und gemeinsam eine verbindende, höhere Wahrheit zu schaffen, die jenseits aller weltanschaulichen Definitionen liegt. […] Die Anthroposophie könnte derart in eine neue Phase ihrer Erscheinung treten: von einer ersten, abgegrenzten und ganz aus sich selbst schöpfenden Zeit der Gründung über eine Phase des dialogisch-gesellschaftlichen Wirkens (die durch die anthroposophischen Praxisfelder veranlagt ist) zu einer dritten, sich in die Welt hineinopfernden Phase der Raumschaffung für den aktuellen Zeitgeist. Es liegt an uns, diesen Ruf zu hören und uns auf das Wagnis des Neuen, das noch keine klare Kontur hat, einzulassen.»

Was Heisterkamp hier in schlimmer Weise verwechselt und in eines setzt, ist die Bewusstseinsentwicklung der Menschheit und die Anthroposophie. In der Bewusstseinsentwicklung wirken auf jeden Fall Impulse der geistigen Welt – wobei wir durch Rudolf Steiner wissen, dass die «guten Kräfte» die Menschheit inzwischen frei lassen… Was also wirkt heute noch weiter? Und was ist Anthroposophie? Sie ist ein Entwicklungsweg – der einzige Weg, auf dem der abendländische Mensch in klarer, vollbewusster Weise sich selbst als geistiges Wesen und in die geistige Welt hinein finden kann. Alles, was nicht ein solcher Weg ist oder nicht auf einem solchen Weg erlebt und erkannt ist, ist nicht Anthroposophie.
Das heute viel beschworene «erwachende Bewusstsein» der Menschheit ist ein höchst heterogener Prozess, der fast immer viel mehr mit Illusionen, Träumen, fertigen Gedanken oder unklaren Empfindungen zu tun hat als mit einem klaren Denken. Darüber hinaus bedeutet ein solches erwachtes «Bewusstsein der kosmischen Dignität des Menschentums» noch lange nicht, dass man wirklich sein eigenes, einfaches Denken auch nur in einem ersten Schritt ergriffen hat, um es wirklich zu etwas so Eigenem zu machen, wie es Steiner beschreibt.
Heisterkamp beschwört dann wieder die «zutiefst verwandten Strömungen und Motive» und zeigt damit nur, dass er mehr der oben schon beschriebenen Sehnsucht nach Vereinigung erliegt, als die Anthroposophie wirklich verstanden zu haben. Eine Hilfe könnte die Anthroposophie diesen anderen Strömungen nur sein, wenn sie zunächst in einzelnen Menschen wirklich verwirklicht werden würde. Dies ist ein vollkommen klarer Weg und Prozess, der aber beschritten werden müsste.
Stattdessen schwelgt Heisterkamp in einer vorgestellten dritten Phase der Anthroposophie, in der sie sich «in die Welt hineinopfert», um dem «aktuellen Zeitgeist» Raum zu schaffen. Das reale Einfließen der Anthroposophie in die Lebenspraxis (die «Praxisfelder») wäre dann nur ein Zwischenstadium, dessen Steigerung das Sich-Einlassen auf das «Wagnis des Neuen, das noch keine klare Kontur hat» wäre! Das klingt natürlich wunderbar – auch Heisterkamp schwimmt also auf der Avantgarde-Welle des Zukünftigen ganz vorne mit … wie herrlich!
Anthroposophie ist aber etwas völlig Anderes als ein Sich-Anfreunden mit angeblich «zutiefst verwandten Strömungen», um sich gemeinsam auf «das Neue» einzulassen, das «noch keine klare Kontur hat». Sie ist in völligem Gegenteil dazu ein von Anfang bis Ende klarer Entwicklungsweg, der über das bewusste Denken in harter innerer Arbeit zum Geist führt. Man kann jeden einzelnen Menschen und jede «Strömung» auf diesen Weg hinweisen. Der Weg selbst ändert sich dadurch nicht – er wird unbeliebt bleiben, und es werden wohl auf lange Zeit immer nur Einzelne bleiben, die ihn gehen werden. Doch die verbindende, höhere Wahrheit liegt erst dahinter. Sie wird nicht dadurch geschaffen, dass man sich «verwandten Strömungen» anfreundet, sie wird immer nur im eigenen Inneren gefunden – in «innerster Erkenntnisfeier». Was Menschen, die diese Wahrheit gefunden haben, dann in der Welt neu hervorbringen, ist eine ganz andere Frage. Man sollte sie nicht vor der ersten stellen – denn die erste Frage ist die entscheidende:
Es geht darum, die Anthroposophie in sich Schritt für Schritt zu verwirklichen, statt vor intellektuellem Hochmut völlig abgehoben und illusorisch von «Raumschaffung für den aktuellen Zeitgeist» zu reden. Welcher Zeitgeist das wäre, sollte jedem wahren Anthroposophen klar sein.

Holger Niederhausen

Nachweis Perseus-Verlag, Basel, dort: AKTUELL

 

Pappnasen für alle!

 

Dimitri!!!

 

 

Advertisements

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s