„Spielraum der Freiheit“ – oder wie man den auch verspielen kann …

 

Stephan Märki macht in diesem bedeutenden gestern in der SZ erschienenen Artikel richtig und wichtig darauf aufmerksam, dass Kunst nicht die Aufgabe hat, „den Staat“ o.s.ä. „zu repräsentieren“, weil ein Staat so die Kunst ihrer eigentlichen Aufgabe beraubt:

 

… Ich meine die Erwartung einiger Menschen, dass ein Theater wie das unsere in Weimar als junges Thüringisches Staatstheater „repräsentativ“ sein müsse. Gemeint ist damit wohl die Widerspiegelung des Selbstverständnisses einer oder mehrerer sich für relevant erklärender Gruppen auf der Bühne, in der theatralischen Aktion.

Wir haben Beispiele solcher Repräsentation auf dem Theater des 17. und 18. Jahrhunderts, als der Adel sich gespiegelt sehen wollte, und auch im 19. Jahrhundert, als das Bürgertum an seine Stelle trat. Diese Erwartung ist vor dem Hintergrund der tiefen und wohl irreversiblen Geisteskrise auch des Bürgertums nach zwei Weltkriegen und fortdauernder, wachsender Gewalt selbst im zivilen Bereich vom Theater nicht mehr zu erfüllen, und zwar aus einem schlichten Grund: So lange sich das Theater am Leitbild der Repräsentation orientiert, sucht es Ordnung zu schaffen, Staat zu machen, wie kritisch es sich auch geben mag. Dieser Grundsatz der Vereinheitlichung und Abschließung, der der Repräsentation eigen ist, erfordert den Ausschluss all dessen, was nicht ins Bild passt, was die Repräsentation stört oder sie in Frage stellt. „Repräsentation“ so Heiner Müller, „bedeutet Selektion“. Es gibt keine Repräsentation ohne Ausschluss und Opfer.

Gewalt bestimmt nicht nur unser Handeln, sondern auch unser Denken. Kunst und Theater bieten einen Raum an, wo solcher Gewalt im Spiel widersprochen wird: einen ästhetischen Übungsraum für die Zivilgesellschaft.


Der ganze Text hier1: „Stephan Märki ist Generalintendant des Deutschen Nationaltheaters Weimar. Bei dem hier abgedruckten Text handelt es sich um die gekürzte Fassung eines Referats, das Märki bei einer Tagung gegen Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit in Weimar gehalten hat.“

Man kann es den politisch etwas Bornierten oder denen mit ganz dunklen Absichten auch mit Goethe2 und Schiller3 und 200 Jahre nach denen nicht oft genug sagen.


Gunther Thriene


1) Ursprünglicher Link: http://archiv.sueddeutsche.de/055381/934/2628989/Spielraum-der-Freiheit.html

2) »Natur und Idee lässt sich nicht trennen, ohne dass die Kunst sowie das Leben zerstört werden.«

3) Siehe: »Über die ästhetische Erziehung des Menschen in einer Reihe von Briefen«

 

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