„Aus meinem Leben. Dichtung und Wahrheit“


Am 28. August 1749, mittags mit dem Glockenschlage zwölf, kam ich in Frankfurt am Main auf die Welt. Die Konstellation war glücklich


…, beginnt Goethe als alternder Mann seine Autobiographie. Wer so schreiben kann, lebt unter einem glücklichen Stern. Er war sich dessen offensichtlich sehr bewusst.

Was war dieses Glück? Goethe hatte die Gabe der unbedingten Wahrhaftigkeit.

Dies wird einem erst nach jahrelanger Beschäftigung mit seinem Werk langsam deutlich, weil er ja das so nirgends sagen, aufschreiben konnte. Die Welt würde sich über so jemanden empören. Aber man kann es lesen lernen:

Bis heute ist Goethe ein völlig unbekannter Geist, der auch und gerade von unserer Universitätswissenschaft nur sehr selten als das erkannt wird, was er ist: Der europäische Kultur-Erschaffer auch noch zukünftiger tausender von Jahren.

Warum? – Deutlich wird es an dem Disput um ihn. Bis heute wird er als Frauenheld und Schürzenjäger verunglimpft, während Schiller, enttäuscht von der ersten Begegnung mit Goethe, über ihn sagte, er wäre wie ein Weib, dem man erst ein Kind machen müsse, um es zu demütigen …

Lehrt man etwas über sein Leben mit den Frauen, wird deutlich, dass ihm die Gabe beschieden war, diese Liebe immer zu veredeln. – Als ich vor Jahren Eckhart Kleßmanns CHRISTIANE zur Seite legte, hatte ich das unbedingte Empfinden, daß er sie mit den Jahren immer mehr geliebt hatte … Der Gang hinter dem Sarge war ihm nun einmal nicht wichtig.

Die wirkliche Grösse (s)einer Liebe aber beginnt man nur langsam zu ahnen: Herder wusste wohl um seine Italienreise-Pläne – und hatte ihm die Umschreibung seiner IPHIGENIE in Verse mit ans Herz gelegt. Nun findet man an anderer Stelle neben dem Tagebuch dieser Reise eine Bemerkung, Goethe wären die Tränen geflossen, als ihm die Erlösungsmöglichkeit des fluchbeladenen Orests durch seine Schwester Iphigenie in den Sinn kam …

"Bringst du die Schwester, die an Tauris Ufer
  Im Heiligthume wider Willen bleibt,
  Nach Griechenland, so löset sich der Fluch."

Diesem Manne wird nun von unserer „Wissenschaft“ die erste leibliche Begegnung mit einer unbekannten schönen Römerin später auf dieser Reise nachgesagt – oder auch eine heimliche Liebschaft zu Anna Amalia, deren Entwöhnung diese Reise dienen sollte …

Goethe selbst aber begegnet – zurückgekehrt in Weimar – eine ärmliche Kunstblumenbinderin, die ihn um des eigenen armen Bruders willen um Hilfe bittet, bitten muss. Sie wird ihm die Mutter von fünf Kindern. Goethe überlebt sie alle.

Goethes Liebefähigkeit trifft mitten ins Mark, weil sie uns heutzutage in ihrer Uneigenwilligkeit beschämt – und die Eigenwilligen wider ihn Sturm, um nicht zu sagen, Amok laufen lässt: Das zeigt schon die oft spiessbürgerliche Kleingeisterei an so mancher x-beliebigen Waldorfschule, wo die „Verbastelung der Anthroposophie“ bis hin zu geradezu kriminellen Exzessen allzuoft Urständ feiert …

Möge ein neues Europa unter seinem Stern – und dem aller ‚Meister der Weisheit und des Zusammenklanges der Empfindungen‘ – auch nur ein bißchen wieder zu dem Herzensland werden, dessen grösster Sohn nun einmal Goethe heißt.


Gunther Thriene

 

 

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