Ein Burn-Out wird zu Literatur …

 

Eine junge weltbekannte in und bei New York lebende französische Pianistin hat einen Konzerttermin am 09.11.2001 in London. Sie erfährt an diesem Tag, was in ihrer Wahlheimat Furchtbares geschieht – und tritt dennoch sehr ernst und konzentriert wie immer auf.

Erschütterung ist ihr nicht anzumerken. Es ist, als klänge da ein „Dennoch, jetzt erst recht!“, ein Credo für die ewige Kunst.

Jahre später holt sie die Erschöpfung ein. Sie beschreibt, wie es sich anfühlt, die Leere, dieses Nicht-mehr-in-Routine-weiterspielen-Könnens, diese Frage an die ganze eigene künstlerische Existenz.

Sie beschliesst, eine Auszeit zu nehmen, kein Sabbatical, aber doch eine Spanne, um dem Infragegestelltsein auf den Grund zu gehen. Wie sie die ihr möglich erscheinenden Reiseziele schildert, abwägt, schliesslich beschliesst, nach Europa, nach Rom, zu fliegen, hat schon den Duktus eines öffentlich gewordenen Selbstgespräches. Dabei ist sie selbst innerlich ziellos und beschreibt schon fast in goethischer Genialität die Erfahrung des Nicht-selbst-Wollens,-aber-doch-Handelns-aus-dem,-was-mir-die-Welt-entgegenbringt. Scheinbar zufällige Reisebekanntschaften werden ihr zu Fingerdeuten, wo es wohl hingehen mag.

Ein künstlerisches Reise-Tagebuch liegt einem in der Hand, noch nicht Goethes Italienreise*, aber eine doch ganz ähnliche Intention, neue Inspiration suchend:

Hélène Grimaud, LEKTIONEN DES LEBENS – EIN REISETAGEBUCH, 2007

Sie schildert sich ganz authentisch in einer Darstellungform, die die Literaten „inneren Monolog“ nennen, was aber falsch ist, weil der innere Monolog immer auch Zwiegespräch mit sich selbst ist, um sich der Inspiration zu nähern, evtl. gar eine Intuition zu haben …

… Was für einen Sinn hatten die Liebe, die Kunst, die Natur, wenn sie nicht mit anderen geteilt wurden? Was für einen Sinn hatte der Heilige in der Wüste? Das perfekte Buch, wenn niemand in ihm blätterte?
Ich war vollkommen ihrer Meinung, wenn sie den trostlosen Anblick der Menschheit in ihrem Leid und, noch trostloser vielleicht, in der Gleichgültigkeit diesem Leid gegenüber – die Menschheit in ihrem schrecklichen Egoismus – angeprangert hatten. Sie war nicht zu leugnen, diese verbissene Maulwurfsmentalität, nur für seinen eigenen Wohlstand zu graben, um immer noch mehr persönliche Reichtümer anzuhäufen und immer noch vergnügungssüchtiger zu sein in einer beispiellosen geistigen Armut, die das Herz zutiefst verletzen musste, so tief, dass man nur noch einen Wunsch hatte: zu fliehen, den Kopf in den Sand zu stecken, die Welt zurückzuweisen und mit ihr die Quellen der Sorge und der Angst. Vielleicht war das ja die wahre Hölle: ein Gedränge von seelenlosen Körpern, die bis zum Rand
mit Lebensmitteln vollgestopfte Einkaufswagen vor sich her schieben, verzweifelt und bereit zu allen Ablehnungen, vorausgesetzt, dass nichts ihr phantastisches Shopping stört, und die den hingerissenen Blick vergessen haben, mit dem sie noch gestern das Neugeborene umhüllten. Und die, schlimmer noch, ihre eigenen Kinder fressen, die sie in den Konsum treiben, um daraus noch mehr Profit zu ziehen. …

EBENDA, SEITE 216

Unbedingt lesenswert!

Unbedingt lesenswert ist, da angesprochen, auch Goethes Tagebuch der Italienischen Reise, die Reiseschrift, die ganz authentisch Goethe zeigt, während die oft dafür gelesene Italienische Reise eine Goetheschrift ist, die er Jahrzehnte später erst – nach Christianes Tod – niederschrieb.


Gunther Thriene

 

 

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